UFO in her Eyes (Film) & Ein UFO, dachte sie (Roman)

Das titelgebende UFO kommt weder im Roman Ein UFO, dachte sie (München 2009) noch im Film UFO in her Eyes (D/F 2011) vor, und deswegen gibt es auch keine „wirklichen“ Aliens. Metaphorische hingegen gibt es jede Menge davon. Und das ist sozusagen das Thema. Weswegen es auch keinerlei Rolle spielt, ob der verletzte „Fremde“, den Yun Kwok, eine bäurische, unverheiratete Analphabetin, am Rande eines chinesischen Dorfes in ihrem Haus aufnimmt, ein Amerikaner oder ein Alien ist. Für den chinesischen Provinzler ist er in jedem Fall „ein Fremder mit haarigen Beinen“.

Wir schreiben den 11. September 2012 und Yun Kwok, eine Enddreißigerin trifft sich auf einem Feld mit ihrem Liebhaber, dem Lehrer und Schulleiter Yee Ming. Das bereitet nicht nur Vergnügen, sondern kann auch ein wenig verwirren. Jedenfalls sieht sie eine seltsame Lichterscheinung und hört einen hellen, singenden Ton. Dann wird sie bewusstlos. Als sie wieder zu sich kommt, ist Yee Ming verschwunden, und sie findet einen verletzten Fremden – den mit den erwähnten „haarigen Beinen“ – und nimmt ihn mit nach Hause, wo sie ihn gesundpflegt.

Leider macht diese gute Tat die Runde, und kommt schließlich auch offiziellen Stellen zu Ohren. Womit das Unheil sozusagen seinen (nicht nur sozialistischen) Lauf nimmt, denn in China wächst zusammen, was zusammen gehört: der real existierende Sozialismus und der real existierende Kapitalismus.

Aus dem Fremden (der das Land längst wieder verlassen hat) wird schnell ein Alien, aus der mysteriösen Lichterscheinung, die Yun Kwok gesehen hat, ebenso schnell ein Ufo. Einfach, weil sich diese Lesart der Dinge effektiv vermarkten lässt. Die Offiziellen des Ortes, kräftig unterstützt von den Offiziellen in Peking, nutzen die Chance, um aus ihrem rückständigen Dorf ein Modellstädtchen der Moderne zu machen mit lauter „kultivierten und fortschrittlichen“ Arbeitern.

Es wird also gebaut, und zwar auf Teufel komm raus: „Ein 53 Stockwerke hoher Wolkenkratzer, die Nachbildung des Opernhauses von Sydney (nur viel besser), der UFO-Vergnügungspark. Ich sage Ihnen“, so die Ortsvorsteherin Lee Chang stolz, „Disneyland wird blass aussehen dagegen.“ Bald gibt es Touristenführungen; sogar amerikanische Zeitungen, worauf Lee Chang natürlich eigens hinweist, berichten über das aufstrebende chinesische Dorf. Chinesische Traditionen werden über Bord geworfen: Henry Millers Wendekreis des Krebses wird als quasi chinesischer Roman gefeiert (sein Inhalt spielt keinerlei Rolle oder wird auf wirre Weise umgedeutet); die Vorzüge der westlichen „körperlich-räumlichen“ Malerei gegenüber der „flachen“ chinesische Malerei werden gepriesen, Selfmade-Millionäre gefeiert. Und so weiter. Amerikanische Lebensart ist bald alles, chinesische, vor allem die dörfliche, gilt nichts mehr.

Es endet, wie so etwas meistens endet: in Chaos und Zerstörung. Das Dorf wird mit Baumaschinen plattgemacht, die soziale Struktur des Dorfes löst sich auf und wird ersetzt durch Ökonomie, denn „der Fortschritt hat hier Einzug gehalten“, wie Ning Zhao sagt, der Sekretär der Ortsvorsteherin. Das kommt einem natürlich bekannt vor. Nach dem 11. September 2001, was die Amerikaner Nine-Eleven nennen (und mit ihnen die ganze Welt), beschleunigte sich der neoliberal-kapitalistische Wahn beträchtlich – was den 11. September als UFO-Sichttag erklärt. Heute gehen zunehmend Menschen auf die Straße, um dagegen zu protestieren.

Auch UFO in her Eyes endet in einem (kleinen) Aufstand gegen die Zerstörer, während Steve Frost, der Fremde, der auf einen Besuch ins Land seiner Retter zurückgekehrt ist, auf einem Fest, das ihm zu Ehren gegeben wird, ein jämmerliches Schmierentheater aufführt. Je mehr Alkohol er sich reinschüttet, desto kriecherischer werden seine Phrasen („China is the land of the future“); gegen Ende des Festes liegt er praktisch unter’m Tisch: ein armseliger Repräsentant des american way of life.

Fazit: Eine streckenweise so großartige wie böse Parabel auf den Kapitalismus neoliberal-globalisierter Ausprägung (und nicht auf den Sozialismus, auch wenn viele deutsche Rezensenten das so interpretieren, zum Beispiel hier oder hier, der hier erwähnt zumindest das Wort Globalisierung; wie China Ökonomie versteht, davon kann man sich hier überzeugen). Die Schwäche des Films allerdings liegt darin, dass das Drehbuch zu sehr dem Roman verhaftet bleibt. Der schildert die Ereignisse – sie umspannen die Jahre 2012 bis 2015 – als Akteneinträge und -notizen. Das Buch enthält ganz „authentisch“ auch Schwärzungen und Randbemerkungen, als wäre es durch die chinesische Zensur gegangen. Ein solcher Aufbau hat keinen Platz für einen Protagonisten, der deswegen im Roman auch fehlt. Aber Aktennotizen lassen sich schwer verfilmen, was das Drehbuch aber zu spät erkennt: Erst nach rund einer Stunde entscheidet es sich dafür, Yun Kwok zur Hauptperson zu machen, um die sich alles dreht. Vielleicht wäre es daher vorteilhaft gewesen, wenn Xiaolu Guo (sie schrieb den Roman, das Drehbuch und führte Regie) wenigstens das Drehbuch in andere Hände gegeben hätte.

Deutschlandstart des Films, eine deutsch-französische Coproduktion, war am 12. April 2012; in den USA kam er am 13. Juni 2012 in die Kinos; seit 22. Februar 2013 gibt es den Film als DVD. Die Homepage (deutsch) gibt es hier.

Der Roman Ein UFO, dachte sie erschien 2009 im Knaus-Verlag, München (wo er nicht mehr lieferbar ist); 2011 erschien bei Goldmann btb die Taschenbuchausgabe (die auch noch lieferbar ist). Das Original UFO in her Eyes kam 2009 bei Chatto & Windus, London, heraus (erhältlich als Hardcover, Paperback und eBook). Übersetzt hat ihn Anne Rademacher.

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