Infini

Eine isolierte Station, ein paar schwer bewaffnete Leute mit einer Mission sowie ein Alien-Organismus, der ihnen das Leben schwer macht: Das ist das klassische Set für einen Alien-Horror-Streifen – schon vor Ridley Scotts Alien, aber mit diesem Film wurde es quasi zum Standard. Auch Infini (AUS 2015), Drehbuch und Regie: Shane Abbess, wählt diese Konstellation als Ausgangspunkt, geht im Verlauf der Handlung dann aber eigene Wege und liefert einen Schluss, der sich vom üblichen Horror/Alien-Szenario (wohltuend) weit entfernt.

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Das Leben auf der Erde im 23. Jahrhundert ist zum bloßen Überleben geworden. Ressourcen liefern nur noch Minen-Stationen auf entlegenen Planeten. Jobs sind entsprechend knapp, und man muss nehmen, was kommt. Whit Carmichael will sich und seiner Freundin ein besseres Leben ermöglichen und heuert bei der West Coast SAR (Search and Rescue) an, wo er bereits an seinem ersten Tag Zeuge eines fatalen Zwischenfalls wird: Ein Team, Einheit 28, kehrt von Infini per Slipstream zurück – tot, um sich schießend oder dem Wahnsinn verfallen. Die Rückkehr löst eine automatische Abriegelung aus, wodurch Carmichaels Team isoliert wird; Giftgas strömt in den Raum. Um sich zu retten, leiten sie hektisch einen Sprung ein, der sie – da eine Änderung der Koordination nicht möglich ist – zu Infini führt. Danach hört man nichts mehr von ihnen.

Der Film wirft den Zuschauer mitten hinein in die Handlung. Die ersten zehn Minuten, bis zum Verschwinden Carmichaels, bestehen nur aus Action: Was die Akteure da eigentlich treiben, wird weder ersichtlich noch lässt es sich zusammenreimen. Erst als ein Rettungsteam zusammengestellt wird, nach 12 Minuten Filmzeit, ergeben sich (durch die geschilderte Einsatzbesprechung) einige Zusammenhänge: Infini ist der am weitesten von Erde entfernte Außenposten. Es wird dort eine Substanz abgebaut, die ursprünglich als Energiequelle dienen sollte, sich aber als hochexplosiv herausstellte, wenn sie mit der irdischen Atmosphäre in Kontakt gerät. Der letzte Überlebende des letzten regulären Teams auf Infini hat in geistiger Umnachtung eine Ladung dieser Substanz per Slipstream Richtung Erde losgeschickt. Ankunftszeit: in 6 Minuten (Erdzeit). Zweck der Rettungsmission ist es, die Ankunft der Ladung zu verhindern. Während des Meetings erfährt der Einsatzleiter, dass Carmichael tatsächlich auf Infini angekommen und dort der einzige Überlebende seines Teams ist. Darüber hinaus wird noch erklärt, dass mit dem Slipstream in Nullzeit teleportiert wird (Trekkies nennen das Beamen), dass die Zeit (im Unterschied zum Beamen) aber nicht synchron läuft: Man kann am Ziel Stunden, Tage, Wochen verbringen, nach dem Zurückteleportieren sind auf der Erde aber nur Sekunden oder Minuten verstrichen.

So mit den nötigen Basics ausgestattet, kann es, in der 18. Filmminute, endlich losgehen: Das Rettungsteam wird auf Infini teleportiert. Bei der Ersterkundung der Station stoßen sie auf Dutzende von Leichen und werden über das altmodische Computersystem der Station außerdem von einem fremden Wesen kontaktiert. Auf einem grün flimmernden Monitor fragt es, wer sie seien und was sie wollten. Der Kontakt wird abrupt abgebrochen, als sie den unversehrten Whit Carmichael auffinden.

Kurz schildert er, wie sich die gesamte Mannschaft der Station samt aller eingetroffenen Rettungsteams gegenseitig umbrachten – nur er überstand das Massaker -, danach gehen sie unter seiner Leitung das primäre Missionsziel an: den Slipstream der Ladung Richtung Erde vorzeitig abzubrechen. Was auch gelingt. Die Mission (genau wie der Film) könnte hier zu Ende gehen, doch plötzlich werden sie von einem weiteren Überlebenden mit einer Axt angegriffen. Bevor sie ihn erschießen können, spritzt eine Menge (infektiöses) Blut herum. Alle Crewmitglieder entwickeln daraufhin paranoide Wahnvorstellungen, Halluzination, und vor allem ein unglaubliches Gewaltpotenzial, das nur noch ein Ziel kennt: sich abzuschotten und aus dem Hinterhalt die jeweils anderen auszuschalten.

Bevor das große Morden beginnt, findet Carmichael, den es in das Forschungslabor der Station verschlagen hat, heraus, dass die Station nie zur Gewinnung der Substanz diente, um diese der Menschheit als Energiequelle zur Verfügung zu stellen. Stattdessen war Infini von Anfang an der Erforschung der Substanz gewidmet, die einen quasi intelligenten Alien-Organismus darstellt, dessen alleiniges Ziel das eigene Überleben ist. In den wissenschaftlichen Aufzeichnungen, die Carmichael auffindet, wird vom „perfekten Organismus“ gesprochen. Ein Mythos, den die Alien-Filme ja immer wieder beschwören, wobei perfekt immer heißt: ganz auf Reproduktion ausgerichtet, ohne so störende Kleinigkeiten wie Moral oder Gemeinschaftsgefühl.

Die Substanz kann jeden anderen biologischen Organismus nachbilden – also auch Menschen. Und das tut sie. Sie hetzt die Menschen der Station aufeinander, damit am Ende des Auslese-Prozesses der eine, der Alpha-Organismus übrig bleibt, den sie dann ganz und gar für ihren Zweck, der das Überleben ist, einspannen kann. Und am Ende bleibt wieder einmal Whit Carmichael übrig. Der aber hat die Zusammenhänge längst durchschaut und stellt sich ultimativ gegen die Substanz, indem er sich selbst tötet. Würde er nämlich als der auserlesene Alpha-Organismus zur Erde zurückkehren, wäre es um die Menschen geschehen. Er opfert sich also, um das Schlimmste zu verhindern. Das aber – nämlich Selbstlosigkeit, man könnte es auch Liebe nennen – war bis dahin für die Substanz ein unbekanntes Konzept.

Und an dieser Stelle verlässt der Film Infini, der bis dahin wie ein klassischer Zehn-kleine-Negerlein-Horrorfilm funktionierte (und das auch ganz hart durchzog), auf relativ radikale Weise das Alien-Universum. Kurz bevor Whit Carmichael das letzte Mitglied des Rettungsteams tötet (beziehungsweise töten muss, weil es ihn, von der Substanz gesteuert, angreift), wechselt Infini mit einem Filmzitat seine bisherige Verortung im Alien/Horror-Genre.

Denn Infini bezieht sich – nach über 80 Filmminuten – nicht mehr auf Alien und andere einschlägige Filme, sondern covert in fast poetischer Weise eine Szene aus The Abyss, dem zweiten Alien-Film von James Cameron, der durch dessen nachfolgendem Werk (Terminator – The Judgement Day) ein bisschen untergegangen ist.

The-Abyss-Water-Face bearbeitet

Infini Szene bearbeitet

In beiden Fällen nehmen die Aliens direkten Kontakt mit den Menschen auf. Während in The Abyss da kaum noch Zweifel darüber bestehen, dass die Aliens den Menschen gut gesonnen sind, startet in Infini die Substanz damit den letzten Zweikampf, der zum Überleben des Alpha-Organismus führen soll. Nachdem Carmichael diesen Kampf für sich entschieden hat, wendet er sich direkt an die Substanz – „Ich weiß, du kannst mich hören.“ – und erläutert ihr, warum ihm kein anderer Ausweg mehr bleibt, als sich zu töten.

Man sieht, wie Carmichael stirbt. Schwarzblende. Dann: Carmichael kommt zurück. Und nach und nach alle anderen Mitglieder des Rettungsteams. Sie bereiten, als wäre nichts geschehen, den Slipstream zurück zur Erde vor. Carmichael (und der Zuschauer) erkennt, dass die Substanz dazu gelernt hat: Es gibt mehr und womöglich Zielführenderes als seine Existenz auf bloße Reproduktion um jeden Preis zu gründen. Eine Einsicht, die im Alien-Universum völlig undenkbar wäre, was auch für Aliens gilt, dem zweiten Film der Alien-Reihe, der der erste Alien-Film von James Cameron war …

Als die Crew auf der Erde ankommt, wo nur wenige Minuten vergangen sind, schließt sich auch der Kreis zum chaotischen Anfang des Films. Die Rückkehr von Einheit 28 löste die Abriegelung aus, weil die Mitglieder des Teams von der Substanz verseucht waren. Die Automatik ging auf Nummer sicher, nahm sogar den Tod von Carmichaels Crew in Kauf, denn wäre auch nur einer von der 28 nach draußen gelangt, hätte es das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutet. Jetzt ist es Carmichael und „seine“ Crew, die einem harten Scan unterworfen wird. 53 Sekunden lang herrschen Zweifel darüber, ob man sie wirklich auf die Menschen der Erde loslassen kann, ob sie sauber oder verseucht sind. Der Film wiederholt die komplette Scan-Sequenz des Anfangs (mit der man da noch überhaupt nichts anfangen konnte), bevor sie dann endlich erfolgt: die Freigabe.

Fazit: Alien-Horror von der ganz anderen Art – dessen Wucht sich allerdings erst beim zweiten Sehen richtig offenbart.

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Alien Quickies II

Harbinger Down
Rund 30 Minuten lässt sich der Film Harbinger Down (USA 2015) Zeit, die Charaktere einzuführen, die Story zu skizzieren, den Ort des Geschehens – einen Krabben-Kutter – zu schildern. Optisch ist das nichts Spektakuläres, sondern ruhig, gelassen, einfach, aber klar erzählt, und lässt einem die Hoffnung, die restlichen 50 Minuten, die der Film noch dauern wird, nicht mit einschlägiger Alien-Horror-Splatter-Schleim-und-Blut=Action zugemüllt zu werden. Diese Hoffnung stirbt sozusagen schlagartig in der 37. Minute, als das erste Besatzungsmitglied von dem unbekannten (Alien-)Organismus, dharbinger down posteren man zu Forschungszwecken geborgen hat, übernommen und in einer hektischen Splatter-POV-Sequenz zum Platzen gebracht wird. Diese Szene wirkt optisch nicht ganz überzeugend – aber das ist auch die entsprechende Sequenz in Alien (1979), ewiges Vorbild für Derartiges, nur bedingt. Schon 5 Minuten später folgt die nächste Splatter-Sequenz. Und mehr hat der Film letztlich nicht zu bieten: Splatter, unterbrochen von mehr oder weniger überzeugenden Dialogen oder Action-Sequenzen, die nur immer zum nächsten Horror-Effekt überleiten. Auch die Story, für die sich eh niemand so richtig interessiert (einschließlich Alec Gillis, Drehbuchautor und Regisseur), dient einzig diesem Zweck.
Fazit: Es gibt, wie in Alien, nur eine Überlebende – aber das reißt den Alienator am Ende auch nicht aus dem Sitz …

Die fünfte Welle
Bei Alieninvasionsundoderübernahmefilmen auf Originalität zu hoffen, bedeutet in der Regel, enttäuscht zu werden. Aber der Film Die fünfte Welle (The 5th Wave, USA 2015) hat Momente, die die Hoffnung zumindest nie ganz sterben lassen. Es gibt aber auch immer wieder Momente, wo der Film in Teenie- und Aliens-Klischees watet, dass in einem der Ärger hochsteigt und man sich fragt, ob man sich das Ganze bis zum Ende antun sollte. Das Ende des Films selbst hebt sich dann wieder wohltuend vom Genreüblichen ab, denn es zeigt keine siegreiche Menschheit, sondern nur eine, die sich noch nicht aufgegeben hat: „Es ist unsere Hoffnung, die uns zu Menschen macht“, lautet der letzte Satz des Films. Diese Schlusssequenz ist durchaus beeindruckend, auch wenn sie ein bisschen zu sehr auf eine Fortsetzung ausgelegt sein mag, denn die Romanvorlage des Films, geschrieben von Rick Yancey, ist eine Trilogie. (Die der Alienator gerade liest; in einem späteren Post gibt’s dann Näheres dazu.)5th wave poster dtFazit: Durchwachsen, aber nicht hoffnungslos! Ein Film mit großen Momenten (auch großartigen Bildern), der dann aber auch üble Stereotypen (und nicht ganz so überzeugende Bilder) liefert, die er dann nur mit Mühe wieder hinter sich lassen kann. — Hier noch eine Rezension, die die Stärken und Schwächen des Films sehr schön aufzeigt.