July 4: der zweite Versuch

„Ich kann nicht glauben, dass es 20 Jahre her ist“, bemerkt Kampfpilot Jake Morrison, der vor 20 Jahren entweder noch gar nicht geboren war oder noch Windeln vollkackte. Vor 20 Jahren, zum Independence Day 1996, kamen die Aliens irgendwo aus den Weiten des Alls, und ihr einziges Ziel war es, die Menschheit auszurotten, denn interessiert waren sie nur am Planeten Erde; die Biosphäre, einschließlich des Menschen, stellte für sie schon damals nur einen lästigen Störfaktor dar.

Was wurde über diesen Film nicht alles gelästert! Es wurden wahre Jauche-Kübel über ihn gekippt. Und jeden einzelnen davon hatte er sich auch redlich verdient. Er ließ wirklich kein Klischee (Personen wie Plot betreffend) aus: Der Kampfpilot mit unerfüllten astronautischen Ambitionen, der Nerd, der über sich hinauswächst, der Vietnam-Veteran, der sich dem Suff ergeben hat, sich am Ende aber für die Menschheit opfert, der Politiker (US-Präsident) mit Idealen, die karrieristische Nerd-Ex, der verrückte Wissenschaftler, der weibische Schwule, der besorgte Nerd-Vater und so weiter und so fort.

Nachdem der Alienator sich Independence Day: Wiederkehr (USA 2016) angesehen hat, sieht er sich, notgedrungen und keineswegs glücklich darüber, in der misslichen Lage, die 1996er-Version einer Alien-Invasion gleichsam neu zu bewerten. Und das Ergebnis tut weh. Nie – niemals im Leben – hätte sich der Alienator träumen lassen, dass er die folgenden Sätze tatsächlich einmal aussprechen würde, nicht einmal, dass er sie je aussprechen könnte … Aber, nun ja, da muss man durch …

Jedes noch so abgegriffene, ausgelutschte, zu Tode gefilmte und von Emmerich erneut aufgenommene und ausgewürgte Klischee, das Independence Day (1996) dem Zuschauer zum Fraß vorwarf, diente einem einzigen Zweck: zu verdeutlichen, dass es um alles geht – um die Ausrottung der gesamten Menschheit. „Wir werden“, wie Whitmore, der US-Präsident, einmal bemerkt, „einfach vernichtet.“ Und das sieht, hört und fühlt man auch. Milliarden Menschen – nicht Tausende, nicht Millionen, Milliarden Menschen sterben bei den verheerenden Angriffen der Aliens. Ist ein Mainstream-Film je so weit gegangen? Noch am 3. Juli sieht es so aus, als könnte es das für die Menschheit tatsächlich gewesen sein. Jedes Klischee, das Emmerich auffährt, sorgt dafür, dass die ungeheuren Verluste der Menschheit, diesseits der gezeigten CGI-Zerstörungssequenzen keine bloße Abstraktion bleiben.

Und 20 Jahre später?

Die 165 Millionen Dollar, die Independence Day: Wiederkehr gekostet hat, sieht und hört man – ganz zweifellos. Aber man spürt, man fühlt sie nicht. Es ist, als sähe man von weit draußen zu, wie eine Welt, die zufällig Erde heißt, zerstört wird. Es berührt einen nichts und niemand. Weder einer der zahlreichen Personen, die im Film auftauchen (und wieder verschwinden), noch die Menschheit als Ganzes. Die Figuren, die nach 20 Jahren wieder dabei sind (etwa Whitmore oder Okun, der verrückte Wissenschaftler), sind müde Abziehbilder ihres einstigen Charakters oder – noch schlimmer – zu albernen Knallchargen entstellt.

Dem Film fällt nicht nur nicht viel Neues ein (was verzeihlich wäre), nein, er bringt es sogar fertig, altbekannte und in Invasionsfilmen unvermeidliche Plot-Turns zu entkernen, lieblos, hektisch, ohne jeden dramatischen Sinn und Verstand aneinander zu reihen. Schmerzhaft deutlich macht das die Filmmusik: Sie plätschert dahin wie Kaufhausberieselungsmusik, musikalischer Brei, der zäh und klebrig Personen, Plot und Dialoge überzieht und sie dabei endgültig erstickt.

Fazit 1: Wer den Film genießen möchte, beschränke sich auf einen Trailer, zum Beispiel auf den Official Trailer #2. Er erzählt eine kleine, in sich (fast) abgeschlossene Geschichte (die nur dem Hauptthema des Films, der Invasion, folgt). Die Dramaturgie ist stimmig und wird von der Musik auch unterstützt.

Fazit 2: Es könnte gut sein, dass mit diesem Film das Genre des Alieninvasionsfilms zu Grabe getragen wurde. Und das wäre das einzig Positive, das man zu Independence Day: Wiederkehr sagen kann.

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4 Gedanken zu „July 4: der zweite Versuch

  1. Hab den Film jetzt auch gesehen und bin enttäuscht. Und zwar gewaltig. Gute Storys waren ja noch nie Emmerichs Ding, aber was er hier bietet, ist teilweise schon grenzwertig. Und einige Szenen waren sogar schockierend schlecht. ZumBeispiel die Aufwachszene von Okun. Übelster Slapstick. Obwohl ich das immer wieder höre, finde ich, dass ein paar schöne Bilder, die es schon gibt, das nicht rausreißen können. Aber noch scheints zu genügen.
    Gruß Cindy

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